Wolfgang Heuwinkel

Parallel zur Natur

30.3. - 10.8.2008 (Reihe Ortstermin)

Wolfgang Heuwinkels waches Interesse an der Landschaft, an ihrer Tektonik und ihren gestaltenden Kräften fand zunächst in eher traditionellen Landschaftsaquarellen einen künstlerischen Ausdruck. Doch bald schon löst sich die Farbe von ihrer die Natur beschreibenden Funktion, wird mehr und mehr selbständig, in dem sie sich auf dem Blatt ihren eigenen Weg sucht. Heuwinkel bevorzugt schwere Papiere mit stark strukturierten Oberflächen, auf denen die wässrigen Farben in ihrem Verlauf Ströme und Lachen bilden, in denen sich die Pigmente absetzen. Später wird die Dramaturgie der Farbverläufe durch das Aufreißen, Auffalten und Durchlöchern des Papiermaterials noch gesteigert, wobei sich Form- und Farbkonstellationen ergeben, die natürlichen Prozessen in der Landschaft ähneln. Man denkt an Sedimentation, eruptive Vorgänge, Gesteinsschichten, Lavaströme und ähnliches. Der Mikrokosmos des Blattes mit seiner zerklüfteten Oberfläche und den verästelten Farbströmen wirkt wie ein Ausschnitt aus dem Makrokosmos.

Wolfgang Heuwinkel arbeitet parallel zur Natur, und er ist sich dessen bewusst, dass sein Ausgangsmaterial – ob es nun Büttenpapier, Zellulose oder Pulpe ist – aus der Natur entnommen und nach wie vor ein Stück Natur ist. Bei einer größeren, aus Pulpe gefertigten Werkgruppe erinnert er an diesen Zusammenhang, wenn er sie in die Natur hineinstellt oder einzelne Äste mit Pulpe gewissermaßen „heilend“ überformt. Er gibt das Material der Natur zurück, aus der es stammt, vollzieht damit eine Art „Wiedergutmachung“, deren künstlerische Intention über die Idee des „Recyclings“ hinausgeht.

In letzter Zeit hat Heuwinkel Zellulosestapel der Witterung ausgesetzt und dabei den ästhetischen Reiz jener morbiden Farbigkeit entdeckt, die beim Zerfall des Materials durch Pilze und Flechten dort entsteht, wo die Feuchtigkeit eindringt.

Von hier aus ergab sich für ihn die Frage, wie die Zellulosebogen flüssige Farben in sich aufnehmen. In verschiedenen „Versuchsanordnungen“ wurde das physikalische Phänomen der Kapillarbildung untersucht. Es entstanden reizvolle Blätter, bei denen sich die wachstumsartigen Farbausdehnungen mit ihren zarten Säumen selbständig inszenieren. Verblüffend, dass es schnelle und langsame Farben gibt und solche, die sich mit anderen mischen bzw. abgestoßen werden. Die Farbverläufe werden zwar von Wolfgang Heuwinkel arrangiert, jedoch nimmt er auf ihren Verlauf keinen weiteren Einfluss. Was auf diese Weise aus sich selbst heraus entsteht, ist wiederum ein Stück Natur, eine Visualisierung physikalischer Gesetze, die zwar vom Künstler intendiert wird, jedoch in ihrer individuellen Ausprägung autonom ist.

Ein wesentliches Merkmal dieser neuen Arbeiten ist, dass Heuwinkel keine Behauptungen aufstellt, sondern Fragen formuliert. Nicht die Gewissheiten interessieren ihn, sondern das unbekannte Land. Sein Impuls ist die Neugierde. Nur sie führt zu neuen Einsichten über unsere Umwelt und uns selbst. Erfreulich, an den Entwicklungen dieser anhaltenden Recherche über das Zusammenwirken von Papier und Farbe teilhaben zu können.

Wolfgang Vomm, 2008

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