Wahlverwandtschaften

Papier und Fotografie

07.06. – 15.09.2013

„Bald werden sie sich als Freunde oder alte Bekannte begegnen, die schnell zusammentreten, sich vereinigen, ohne aneinander etwas zu verändern [...]. Dagegen werden andre fremd nebeneinander verharren und selbst durch mechanisches Mischen und Reiben sich keineswegs verbinden;“

Aus J.W.v. Goethes „Wahlverwandtschaften“ (1809)

Eröffnung

Freitag, 7. Juni 2013, 19:30 Uhr

Begrüßung:

Lutz Urbach, Bürgermeister

Christian Brand, Geschäftsführer der Stiftungen der Kreissparkasse Köln

Einführung: Dr. Petra Oelschlägel,Leiterin der Städtischen Galerie

Musikalische Begleitung: Dietmar Bonnen, Klavier

In seinem Roman „Wahlverwandtschaften“ übertrug Goethe die naturwissenschaftliche Anschauung von den Kräften zwischen den Elementen auf das Spannungsfeld gesellschaftlicher Beziehungen. In der gleichnamigen Ausstellung in der Städtischen Galerie Villa Zanders geht es um die geheime Chemie zwischen Fotografie und Papier und ihren unerwarteten Verbindungen und Verwandtschaften.

Papier und Karton erfahren in der aktuellen Fotografie eine neue Wertschätzung als Grundlage der dargestellten Sujets bzw. als Ausgangspunkt experimentellen Gestaltens. Auch Nina Brauhauser, Klaus Hansen, Ralf Kaspers, Wolfgang Lüttgens, Johanna von Monkiewitsch, Petra Weifenbach und Michael Wittassek setzen sich in ihren fotografischen Arbeiten mit dem Werkstoff Papier auseinander. In einzelnen Räumen entwickeln sie jeweils einen Dialog zu ausgewählten Papierarbeiten aus der Sammlung „Kunst aus Papier“ – darunter Werke von John Cage, Christo, Mischa Kuball, Timm Ulrichs und Wolf Vostell – sowie neuen Papierarbeiten von Gregor Hildebrandt und einer Installation von Michael Kortländer.

Die Gegenüberstellungen verändern die Perspektive und verschaffen sowohl dem Blick auf die Fotografie als auch auf das Werk aus Papier neue Impulse. Bisherige Zuordnungen geraten in den Hintergrund. Es entwickeln sich spannungsvolle Wechselbeziehungen mit einer Vielzahl unerwarteter Parallelen, Berührungen und Schnittpunkte.

Beteiligte Künstlerinnen und Künstler

Nina Brauhauser – Fotografie

John Cage – Aus der Sammlung „Kunst aus Papier“

Christo – Aus der Sammlung „Kunst aus Papier“

Klaus Hansen – Fotografie

Erwin Heerich – Aus der Sammlung „Kunst aus Papier“

Dietrich Helms – Aus der Sammlung „Kunst aus Papier“

Gregor Hildebrandt – Papier

Ralf Kaspers – Fotografie

Vladislav Kirpichev – Aus der Sammlung „Kunst aus Papier“

Reinhold Koehler – Aus der Sammlung „Kunst aus Papier“

Jirí Kolár – Aus der Sammlung „Kunst aus Papier“

Michael Kortländer – Papier

Mischa Kuball – Aus der Sammlung „Kunst aus Papier“

Wolfgang Lüttgens – Fotografie

Johanna von Monkiewitsch – Fotografie

Maria Reuter – Aus der Sammlung „Kunst aus Papier“

Klaus Staudt – Aus der Sammlung „Kunst aus Papier“

Timm Ulrichs – Aus der Sammlung „Kunst aus Papier“

Petra Weifenbach – Fotografie

Michael Wittassek – Fotografie

Wolf Vostell – Aus der Sammlung „Kunst aus Papier“

Ulrich Wagner – Aus der Sammlung „Kunst aus Papier“

Zu den einzelnen Künstlerräumen

Michael Wittassek (Jg.1958) arbeitet auf der Grundlage kleiner Schwarzweißabzüge, deren Komplexität er durch manuelle Bearbeitung, wiederholtes Abfotografieren und Vergrößern vielfach erweitert. Die Installation „Unfall“ (2013) empfängt den Besucher in der repräsentativen Belle Etage mit wie zufällig hereingewehten skulpturalen Artefakten. In ihrer ephemeren Erscheinung thematisieren sie die Differenz von Zeichen (Fotografie) und Bezeichnetem (Papier) ebenso wie die zwischen Kunst und Nicht-Kunst. Auch Wittasseks Einzelbilder im ersten der Künstlerräume (rechter Eingang) verweisen auf die Doppelrolle der Fotografie als Bild und Abbild. In Korrespondenz mit den monumentalen Reliefarbeiten aus Toilettenpapier (2013) von Gregor Hildebrandt (Jg.1974) kommen die Bedeutungsverschiebungen unterschiedlicher künstlerischer Konzepte in Bezug auf Materialität und Präsentation bei annähernd identischem Medium zum Tragen. Die Arbeit von Maria Reuter (Jg.1929) aus dem Jahr 1973 wiederum geht in ihrer Subtilität an die Grenze der Wahrnehmung von Papier als Bildträger und Papier als skulpturalem Material. Wie bei Wittassek spielt der Aspekt der Beschädigung oder Zerstörung hier eine wichtige gestalterische Rolle.

Petra Weifenbach (Jg. 1961) erstellt Objekte, die auf der Ebene der Sinnestäuschung operieren. Sie reflektieren das Vermögen der Kunst, uns mit einer Illusion in ihren Bann zu ziehen, obwohl wir sie durchschauen. Wie funktioniert Repräsentation, woraus erklärt sich ihre Magie? Inwiefern kann sich ein aus Prospekt- und Postkartenmaterial aus Kölner Museen zusammen-gesetzter „Schrein“ (2003) mit einer echten Goldschmiedearbeit messen? Haftet dem Fake aus hochglänzend bedrucktem Papier nicht eine ebenso kostbare Aura an? In Weifenbachs Camouflagen zwischen Schein und Sein spielt die Fotografie eine wichtige Rolle als Mittel gezielter Täuschungsstrategien. Bei ihren Fotoplastiken wird Dreidimensionales zunächst in die Zweidimensionalität übersetzt und dann wieder in die dritte Dimension zurückgeführt, wobei Verwandlungsprozesse stattfinden. Zartes Toilettenpapier wird in der Vergrößerung zur bedrohlich scharfkantigen Mutation (Große Klorolle, 2013). Timm Ulrichs´ (Jg.1940) Beitrag „Augenhöhe“, eine Serigrafie aus der Mappe „Vorsicht Kunst“ (1969/70), zeugt von einem verwandten Geist: Beide Künstler kommentieren unerschrocken mit bisweilen bissigem Humor den quasi religiösen Hoheitsanspruch der Kunst.

Nina Brauhauser (Jg.1980) arbeitet in einem experimentellen Bereich jenseits der Abstraktion. Sie führt mit fotografischen Mitteln die Tradition der Konkreten Kunst fort, die nichts darstellt, was sie nicht selbst auch ist. Sowohl ihren „Black Compositions“ (2012), als auch den beiden neuen Arbeiten „nothing left to say“ und „blue shift“ (beide 2013) liegen Papiermodelle zugrunde. Durch Farbauftrag oder Veränderungen der Oberfläche, durch Lichtsetzung oder die Wahl der Aufnahmetechnik entstehen Simulationen einer anderen als der ursprünglichen Materialbeschaffenheit, aber auch eines anderen Mediums als der Fotografie. Ihre Tableaus können ebenso der Malerei, dem Relief, dem Objekt oder der Zeichnung zugeordnet werden. Diese Offenheit sorgt bei der Betrachtung für eine latente Verunsicherung. Vor der Konfrontation mit der großen Raumarbeit „Gut gerüstet – tutto a posto“ (2013) aus Kartonage von Michael Kortländer (Jg.1953) ziehen sich die Fotoarbeiten Brauhausers einerseits in ihre inneren Bildräume zurück, andererseits zeigen sie eine verwandte Formensprache. Beide verbinden radikale Reduktion mit gesteigerter Komplexität.

Johanna von Monkiewitsch (Jg.1979) schafft Bilder, die durch das Aufeinandertreffen von Licht auf einen Gegenstand entstehen. Licht und der Gegenstand spielen dieselbe Rolle und machen sich gegenseitig spürbar. Die Arbeiten in der Ausstellung (alle Pigmentdruck auf Hahnemühle, 2012-2013) basieren auf Papierbögen, die Spuren wie Faltungen oder Knicke aufweisen. Sie werden fotografiert und auf hochwertiges Papier gedruckt, das an denselben Stellen wieder gefaltet bzw. geknickt wird. So entsteht eine verblüffende Analogie zwischen Bild und Abbild, ähnlich dem Abdruck einer Form. Aber auch hier geht es um ein Spiel mit der Illusion, denn die beiden Bildebenen gehen schon aufgrund der sich verändernden Lichtverhältnisse im Ausstellungsraum niemals vollkommen in eins. Dieses subtile Auseinanderdriften des vermeintlich Identischen wirkt befremdend, fast unheimlich. Korrespondenzen findet von Monkiewitsch in den Falten und Knicken der „Auspackung“ (1960) von Christo (Jg.1935) und im Wechselspiel zwischen Licht und Materie in der zweiteiligen Arbeit Kartonskulptur und Kartonschnitt (1987) von Erwin Heerich (Jg. 1922) sowie dem Papierschnitt-Relief „Erinnerung“ (1995) von Klaus Staudt (Jg.1932).

Wolfgang Lüttgens (Jg.1957) verbindet verschiedene Medien, Techniken und Präsentationsformen. Während die neu entstandene Reihe „Venustransit“ (2013) digitalen Pigmentdruck mit Aquarellmalerei kombiniert, gibt eine Auswahl aus Arbeiten der letzten acht Jahre einen Eindruck von der Bandbreite seines bildnerischen Experimentierens mit Bruchstücken von Wirklichkeit. Lüttgens arbeitet aus und mit, über die Realität seiner unmittelbaren Umgebung, seines Ateliers, seines Alltags und seiner täglichen Erfahrungen. Der Blick in das Atelier, das Innerste des künstlerischen Universums, wird jedoch nur sehr eingeschränkt gewährt: Abstrahiert und fragmentiert, blitzt die Realität gelegentlich in Form erkennbarer oder wenigstens bekannt erscheinender Gegenstände auf. Die Eleganz, mit der jenes „Vorhang-Lüften" geschieht, ist filigran, formal sehr streng und dennoch spielerisch, also leicht artikuliert. Sie reiht sich ein in eine minimalistische Formensprache, denen auch die Künstler aus der Sammlung angehören, mit deren Arbeiten er in Dialog tritt: Die Monotypie Eninka 3 (1986) von John Cage (Jg.1912),

der Kartonschnitt XVIII/83 (1983) von Mischa Kuball (Jg.1959) und die Papierarbeit “W Book, 1/1 999“ (1999) von Vladislav Kirpichev (Jg.1948).

Ralf Kaspers (Jg.1957) arbeitet in seinen großformatigen Fotografien meist in Bildserien. Monumental stellt er Aspekte unseres kulturhistorisch geprägten Lebens dar. Zu seinen Themen gehören urbane Strukturen genauso wie beispielsweise Werkgruppen zu den 10 Geboten. Bei der monumentalen Darstellung vertrauter Kulturgüter wie dem „Schönfelder“ (2010), dem Standardwerk der Juristen, steht der Betrachter „dem Gesetz“ in seiner alles bestimmenden Existenz und Macht gegenüber. Aus der Gladbacher Sammlung führt das Werk „Geflügelte Worte“ (1977 und 1984/85) von Timm Ulrichs das Buch als solches ad absurdum. Unterschiedlicher könnte die Präsenz eines Buches kaum sein: allmächtig und riesengroß oder auf Flügel zum Davonflattern

reduziert. Die Fotoarbeit „Euros“ (2007) ist im Zusammenhang der fotografischen Darstellung von Mengen und Ansammlungen unterschiedlicher Güter in Kaspers Werk entstanden. Das Geld ist aus seiner gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realität herausgehoben. Kaspers stellt die fotografierten Motive sachlich dar. Die Größe des Abzuges unterstreicht die metaphorische Vielschichtigkeit der Inhalte. Dialogpartner aus der Sammlung ist ein Werk der Brasilianerin Jac Leirner (Jg. 1961), die eine Bodenskulptur aus abgewerteten Banknoten erstellt hat (Ghost, 1991). In beiden Werken ist Geld seines Wertes entledigt und auf die Materialität Papier reduziert, der eine eigene

Geschichte anhaftet.

Klaus Hansen (Jg. 1940) kommt aus dem Bereich der journalistischen Dokumentarfotografie und kommentiert gesellschaftspolitisch engagiert unterschiedliche Bereiche des öffentlichen Lebens. Dabei schätzt er die Abbildungskraft klar definierter Realität im Medium der Fotografie, doch reizen ihn immer wieder groteske oder absurde Situationen. Bild und Bildobjekt sind bei ihm häufig deckungsgleich. In seinem Foto „Spectacles“ (Paris, 1983) hält er die Beendigung des „Spektakels“ fest, das Ende überlebter Neuigkeiten. Die Nähe zur Décollage „Thorax 9, 1958 V“ von Reinhold Köhler (Jg.1919) oder der Plakat-Décollage aus dem Jahr 1961 von Wolf Vostell (Jg. 1929) drängt sich förmlich auf, da sich auch hier verschiedene Aktualitäts- und Realitätsebenen überlagern und letztendlich ein Abbild vom Leben als ein Kontinuum wiedergegeben wird. Da sich Klaus Hansen über Jahrzehnte als Cheflayouter und Leiter einer Werbeagentur mit Printmedien beschäftigt hat, ist die Wahlverwandtschaft mit den „Jahreszeiten 1980 – 83“ von Denmark nachvollziehbar. Denmark setzt sich in der mehrteiligen Wandarbeit mit der Überflussproduktion der Informationsindustrie auseinander – Hansen kommentiert mit „Prawda“ (Moskau 1983), der „Wahrheit“, das Paradoxon einer ungefärbten Berichterstattung in Zeiten der von der KPdSU festgesetzten Wahrheit. Die Größe des Ausdrucks dieser Zeitung, die auf Tafeln im öffentlichen Raum präsentiert wurde, steigert diese Absurdität.

Es erscheint ein reich bebilderter Katalog mit Texten von Barbara Hofmann-Johnson, Sabine Elsa Müller und Petra Oelschlägel. Erhältlich bei uns im Haus oder direkt über den Online-Shop des Kunstmuseums.

Beachten Sie unser ausführliches Begleitprogramm

Wir danken für die großzügige Unterstützung:

Wir danken für die großzügige Unterstützung:

Anfahrt

So finden Sie das Kunstmuseum Villa Zanders

Google-Maps-Karte

Externe Inhalte blockiert!
Bitte akzeptieren Sie unsere Cookies, um diese Karte anzuzeigen.
Cookie-Einstellungen

Konrad-Adenauer-Platz 8
51465 Bergisch Gladbach

Kontakt
Telefon: 02202-14 2304
E-Mail: info@villa-zanders.de

Parkmöglichkeit und Adresse für das Navigationsgerät: Parkplatz Schnabelsmühle, 51465 Bergisch Gladbach

Routenplaner

Barrierefreier Zugang
Das Haus ist für Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer über eine Rampe am Nordeingang (gegenüber Rathaus) zugänglich,
ebenso sind alle öffentlichen Räume barrierefrei.

Öffnungszeiten

  • Montag geschlossen
  • Dienstag und Freitag
  • 14:00 - 18:00 Uhr
  • Mittwoch und Samstag
  • 10:00 - 18:00 Uhr
  • Donnerstag
  • 14:00 - 20:00 Uhr
  • Sonn- und Feiertage
  • 11:00 - 18:00 Uhr